Skulptur Projekte Münster – 5

Ich liege am Ufer des Kanals in der Sonne und wärme mich auf,
wie jeden Tag, nachdem ich meine Marathonstrecke geschwommen bin.
Auf der anderen Kanalseite befindet sich eine Art Industriebrache,
oder eine verlassene Baustelle: Verrostete Kräne, Schutthaufen,
Steinhaufen, Metallplanken und so weiter. Irgendwann fällt mir auf,
dass gehäuft Leute mit einem Stadtplan in der Hand über die Baustelle kraxeln.
Der leichte Ostwind weht verzweifelt klingende englische Sprachfetzen
zu mir herüber. Das Ganze stinkt nach den Skulptur Projekten.
Vielleicht, kommt mir die Idee, hat der Künstler einfach die Baustelle zur Skulptur
erklärt, und von dem ihm zu Verfügung gestellten Etat macht er gerade
einen Luxusurlaub auf den Seychellen? Auf dem Rückweg entdecke ich neben
der Baustelle ein betoniertes Etwas, das offensichtlich schon öfter
von den Schwimmgästen zum Luxusgrill umfunktioniert wurde.
Offensichtlich ist das die Skulptur.
Am Abend dann die Auflösung: Bei einer krossen Bratwurst auf der
Dachterrasse erklärt mir ein Kollege, dass das mit dem Grill durchaus so
gemeint sei, und der Künstler Oscar Tuazon und die
Arbeit Burn the formwork hieße. Ein Anderer
meint, er sei „voll auf LSD“ gewesen, als er sich die Skulptur
anschaute und spricht enthusiastisch von einer sensiblen Arbeit.
Ich frage mich seitdem, wie zur Hölle man auf die Idee kommen
kann, sich die Skulptur Projekte in Münster auf LSD anzuschauen.
Schließlich liegt ja schon ganz nüchtern betrachtet ein Horrortrip
in der Luft, wenn man sich das komplette Skulpturenprogramm antun will.
Ich frage mich außerdem, was es wohl in
diesem Fall bedeuten würde, „auf einem Trip hängenzubleiben“?
Würde der Betroffene für den Rest seines Lebens immer
und überall nur noch Kunst und Skulpturen
erkennen? Würde er zum Beispiel vor einer Bushaltestelle
stehenbleiben und von einem großartigen Kunstwerk sprechen
und die unter dem verschimmelten Dach Wartenden fragen, wer
der Schöpfer dieses Werkes sei? Würde er sich beim Infostand
von real informieren wollen, wer die Häuschen für die
Einkaufswagen entworfen hat?

 

to be continued…

 

 

 

Skulptur Projekte Münster – 4

Im Hafen von Münster hat die Künstlerin Ayşe Erkmen die Arbeit On water realisiert.
Menschen können über das Wasser wandelnd zur anderen Kanalseite gelangen.
(Das unterwässrige Gerüst hält garantiert, und sollte doch einer versuchen, auf klassische
Jesus-Art ohne technische Hilfsmittel die andere Seite zu erreichen, also neben der
Installation, stehen stets ein paar gut trainierte Rettungsschwimmer bereit.)
Der münsteraner „Hafen“ wird übrigens demnächst auf die UNESCO Welterbeliste der
„eigentlich funktionslosen, aber zu Marketingzwecken bis zum Erbrechen missbrauchten
Brackgewässer, in denen die seltene Schlier-Alge vorkommt“ aufgenommen.
Ich habe mich schon lange nicht mehr so gefreut wie in dem Moment,
als ich von dieser Entscheidung der UNESCO hörte.

 

 

Skulptur Projekte Münster – 3

Ich sitze abends auf einer Bank an der Promenade in der Nähe der Skulptur
„Skizze für einen Brunnen“ von der Künstlerin Nicole Eisenmann.
Von hier aus hat man einen guten Blick auf die Arbeit und auf das
interessante Treiben rundherum. Was ist zu sehen?
Ich würde sagen (aus der Distanz, ich habe mich bisher noch keinmal näher
heran gewagt, aus Angst, ins Wasser zu fallen), eine Art Miniaturteich, mit
dunklem Marmor an den Seiten,
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Skulptur Projekte Münster – 2

Eine Gruppe von acht Japanern steht etwas verloren mit
ihren Fahrrädern an der Kreuzung vor meinem Atelierhaus.
Einer schaut auf eine Karte, eine andere filmt mit ihrem
Handy die Kreuzung, die anderen warten auf neue Richtungsanweisungen.
Kein Zweifel: Besucher der Skulptur Projekte Münster.
Einer von ihnen spricht mich an und fragt auf englisch nach
dem Burger King am Stadtrand. Ah, antworte ich, Skulptur Projekte Münster,
ihr wollt zu der Ausstellung in der ehemaligen Eissporthalle
neben dem Burger King. Ich erkläre den unkomplizierten Weg und
auch, wie gut ich die Installation dort finde.
Der ausländische Kunstfreund ignoriert mein Statement und
fragt wieder, wie weit es zu dem Hamburgerladen wäre.
Die Fußgängerampel wird grün und die Gruppe und ich wechseln die Seite.
Ich versuche noch einmal, das kurze Gespräch auf die Skulptur Projekte zu lenken,
aber der Japaner fragt zurück, ob der Burger King am Ziel auf der
linken Seite der Straße liegen würde. Ich bekomme langsam
Zweifel: Vielleicht wollen die acht durchweg in schwarz gekleideten
ausländischen Besucher auf ihren quietschgelben Leihfahrrädern
wirklich nur zu Burger King? Man weiß bei diesen Japanern ja nie,
was sie so aushecken und was bei ihnen Kultstatus genießt.
Vielleicht stehen sie einfach auf schmierige deutsche Vorstadt Burgerläden und
werden sich später gegenseitig filmen, wie sie dort in der Schlange stehen?
Ich erkläre schließlich, dass man dort wirklich die besten Hamburger
der Stadt bekommt, und, have fun, Burger King is on the left side.

to be continued…

Skulptur Projekte Münster 2017

 

Skulptur Projekte Münster 2017

 

Skulptur Projekte Münster 2017 – 1

10.06.2017, 10 Uhr: Heute ist der Tag der offiziellen Eröffnung der Skulptur Projekte in Münster.

Ein Hauch von internationalem Jetset liegt in der Landluft.

Ich stehe in der Schlange vor der alten Eissporthalle, in der sich die Arbeit von Pierre Huyghe befindet.
Offenbar dürfen jeweils nur so viele neue Leute herein, wie heraus kommen.
Und die Leute in der Halle lassen sich Zeit, der Beitrag des Künstlers muss sehr fesselnd sein.
Zwei Männer hinter mir müssen wiederum in der Kunstszene sehr sehr bekannt sein, denn sie
kennen die Hälfte der Leute, die aus der Halle kommen. Einer von den beiden verabredet sich
innerhalb von zwanzig Minuten in Berlin, in Mailand und man trifft sich ja sowieso in Kürze in Basel. Eine Frau im Ganzkörperleopardenanzug checkt auf ihrem Telefon, ob ihr
Flug in die Schweiz pünktlich sein wird. Ach, und gib mir doch mal deine Nummer,
ich melde mich, wenn ich zwischen dem 22. und dem 25. in London bin,
dann gehen wir einen Café trinken. Die Frau in den goldenen
Pantoffeln winkt ab, da ist sie noch in Zürich, aber sie diktiert ihm trotzdem die Nummer.
Ein Mann vor mir ermuntert seinen kleinen Sohn, zu der Brache neben der Halle zu gehen und
einen Blumenstrauß für Julia Stoschek zu pflücken. Ich habe den Eindruck, dass er das extra laut
gesagt hat, damit die Männer hinter mir mitkriegen, dass der Mann die smarte Sammlerin
und Milliarden-Erbin, die gerne Geld mit dem Kauf von Videokunst verbrennt, gut kennt.
So und nicht anders hat es sich in der Schlange zugetragen.
Ich denke, Junge, Junge, wie wird das erst bei Art Basel oder gar
Art Basel Miami Beach aussehen?

Natürlich präsentiert sich die Stadt Münster an diesem Eröffnungstag der
Skulptur Projekte von ihrer absoluten Schokoladenseite.
Auf der Promenade gibt es die Grünflächenunterhaltung, bei der Amateurmusiker, Bands und
Chöre im hundert Meter Abstand auftreten, ein paar Kilometer weiter eine Art
Markt oder Demo zum Thema Nachhaltigkeit, vor dem Schloss wird eine
Fressmeile „Münster verwöhnt“ aufgebaut, auf der sich die Leute enger aneinander
pressen als die armen westfälischen Schweine, die extra für das Event zum Schlachthof
transportiert wurden. Man könnte auch schreiben:
„Münster flippt aus“, bestätigt aber mit jeder weiteren Aktion eher den vielzitierten Ruf als
Provinzmetropole, in der alle fröhlich fahrradklingelnd über das Kopfsteinpflaster rattern,
und sich alles und jeder herausgeputzt hat für den hohen Besuch. Aber so negativ wie das
vielleicht klingt, ist das gar nicht gemeint. Münster ist super. Nur manchmal ist Münster
einfach zu sehr Münster.

Die Arbeit von Pierre Huyghe übrigens (Foto oben) ist großartig, finde ich.
Alleine dafür lohnt sich das Anstehen.

to be continued…