Skulptur Projekte Münster – 3

Ich sitze abends auf einer Bank an der Promenade in der Nähe der Skulptur
„Skizze für einen Brunnen“ von der Künstlerin Nicole Eisenmann.
Von hier aus hat man einen guten Blick auf die Arbeit und auf das
interessante Treiben rundherum. Was ist zu sehen?
Ich würde sagen (aus der Distanz, ich habe mich bisher noch keinmal näher
heran gewagt, aus Angst, ins Wasser zu fallen), eine Art Miniaturteich, mit
dunklem Marmor an den Seiten,

an dem sich vier überlebensgroße Figuren
herumlümmeln. Eine steht am Rand mit hervorgestrecktem Becken,
aber anstatt lustvoll als eine Art Riesen-Männeken-Piss ins Wasser zu pinkeln,
lässt die Figur ihr Wasser über das linke Knie ab.
Ich finde das irgendwie erfrischend dämlich, also gut, auch wenn die
Beinahe-Geschlechtslosigkeit der Figuren etwas irritiert. In der
Kurzanleitung im Prospekt stand etwas von „Beschäftigung mit Sexualität“,
aber das sehe ich beim besten Willen nicht in der Arbeit, und man möchte
sich gar nicht ausmalen, wie ein Bildhauer-Unhold wie Markus Lüpertz das
Männeken-Piss Thema angegangen hätte. Die anderen drei Figuren liegen und
dösen am Beckenrand wie in einem Freibad im Hochsommer. Keine Spur von
Interaktionen jedweder Art. Der Ort der Skulptur ist gut gewählt, hier
an der Promenade kommen sie alle über kurz oder lang vorbei. Die Besucher
stellen ihr Rad ab und gehen auf die Wiese, die von meiner Warte wie eine
kleine Lichtung wirkt, um sich die Skulptur anzuschauen. Ich lese
derweil die eine oder andere Seite im Buch „El aleph“ von Jorge Luis Borges,
(in der spanischen Originalfassung versteht sich, Borges erlaubt keine
halben Sachen, auch wenn ich jeden Satz zweimal lesen muss und nur die Hälfte verstehe)
und schaue hin und wieder auf, um zu sehen, was sich neues an der Skulptur tut.
Hier von meiner Warte aus erinnert das Becken auch irgendwie an ein Schlammloch
in der Serengeti, kunstdurstig nähern sich die abgemagerten, sonnenverbrannten
und dehydrierten Kunstgazellen, sie treten aus dem Gebüsch hervor auf die
Lichtung, knien an den Beckenrand, um von dem Brackwasser zu trinken, und
alles unter den Augen der Hyänen und Löwen, die aus sicherer Entfernung von
einer Parkbank aus das Spektakel im Blick haben, getarnt mit schlau wirkenden
Büchern vielleicht, oder, weniger anstrengend, mit einem Bier in der Hand.
Zurück im Atelier greife ich mir als erstes die deutsche Fassung des Buches
von Borges und stelle mit Erleichterung und Bestürzung fest, dass mein Spanisch
inzwischen zwar locker reicht, um den Autor im Original zu lesen, nur bin
ich anscheinend zu dumm, ihn zu verstehen, egal in welcher Sprache.
Ich kehre mit gemischten Gefühlen zur spanischen Lektüre zurück.
Am nächsten Tag sitze ich wieder auf meiner Bank, schaue dem immer ähnlichen,
immer gleichen, immer anderen Treiben zu, und lese ein zweites Mal die Erzählung
„El zahir“. Auf knapp zwölf Seiten schafft es Borges, vier oder mehr kurze
Episoden unterzubringen. Alle haben irgendwie miteinander zu tun, das spürt
man, sie sind verknüpft, aber der tiefere Sinn entschlüpft immer wieder wie
ein glitschiger Karpfen, der bestimmt in dem verdammten Planschbecken da
drüben herumschwimmt. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist der Zahir,
eine argentinische Münze, die der Ich-Erzähler in der Nacht in einer Spelunke
mit Falschspielern ausgehändigt bekommt, kurz vorher besuchte er noch die
Totenwache einer bekannten, tausendgesichtigen Schauspielerin, die er sehr
verehrte, aber das führt jetzt alles zu weit. Nur soviel: Er kann ausgerechnet
diese Münze nicht mehr vergessen, muss immer weiter an sie denken bis er verrückt
an ihr wird. Ein paar Tage später sehe ich schon von weitem, dass meine Stammbank
bereits besetzt ist. Ich muss ausweichen auf eine andere, die sich genau auf
der anderen Seite der Skulptur befindet. Ein neuer Blick, eine neue Perspektive.
Ich beobachte das Getümmel an der spinnerten Skulptur und lese ein drittes
oder viertes Mal „El zahir“. Es wird klar, dass der Autor am Anfang des
Textes Dinge erwähnt, Informationen einfließen lässt, die man überhaupt
erst verstehen kann, wenn man ihn mindestens ein zweites oder besser
drittes Mal liest. Gleichzeitig wird auch der immer gleich bleibende
Anteil des nicht Erklärbaren immer spürbarer, wie die unsichtbare Seite einer Münze.
Als ich meinen Aussichtspunkt verlasse und wieder zu meinem Atelier fahre,
bekomme ich einen Verdacht: Der Text selbst hat sich für mich in eine Art
Zahir verwandelt, also zu dieser Münze, von der man immer nur eine Seite zu
sehen bekommt, zu einem Kreislauf, den man beliebig oft wiederholen kann und
wenn man Pech hat, nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Ähnliches ist bei der
Skulptur „Skizze für einen Brunnen“ glücklicherweise nicht zu befürchten, egal von welcher
Parkbank aus man sie betrachtet.

Kommentare

— 2 Kommentare

  1. deine texte wären so manche münze wert!

    (auch sehr schön ist dein mini-facebook: seriös, tierlieb und gesetzestreu)

  2. guten morgen und merci,
    macht auch spass, etwas zu den skulptur projekten zu schreiben (ein weiterer trittbrettfahrer ;-))
    bei facebook bin ich nicht, meinst du die idee mit der seitenleiste kann ich nicht an die für 20 millionen verkaufen??

    lg k