Stephan Trescher

Wie mir der tote Hamster die Bilder erklärt

– Das da drüben bin ich.
– Wo?
– Na da, der dritte von links. Sieht man doch.
– Aha. Der sieht aber ziemlich lebendig aus. Ich denke, du bist tot?
– Ich denke, also bin ich.
– Ach, herrjeh, heißt du jetzt plötzlich Descartes?
– Mein Name ist Hase.
– Aber du bist doch ein Hamster!
– Das glaubst du! Weil man es dir gesagt hat. Seh‘ ich etwa so aus wie ein Hamster?
– Hmmm…… Nun ja, jetzt wo du‘s sagst: Eigentlich eher wie ein Eich…
– Sag‘s nicht!
– Wieso?
– Ich mag das Wort nicht! Ich kann es partout nicht ausstehen. Es ist so penetrant possierlich. Und viel häßlicher als ich.
– Keine Ahnung, was Eich…hamster für ein Schönheitsideal haben. Große Augen, lange Ohren, dicke Schwänze? Also gut, du untoter Pseudohamster – und was hast du da in dem Bild verloren?
– Meine Rolex.
– Ich meinte doch: Was machst du da auf dem Bild?
– Ich belebe es.
– Als totes Tier? Wie soll das gehen?
– Also erst einmal: Das hatten wir schon; du hast selbst gesagt, ich sähe ziemlich lebendig aus. Immerhin kannst du mich auf dem anderen Bild ja sogar Motorroller fahren sehen und dort drüben auf einem dritten mit meinem Schwager und meinem Schwippschwager Skat spielen. Nur auf dem dort sehe ich ein bißchen überfahren aus – und auf jenem hier einfach platt, unter dem Laster des Alltags zusammengebrochen. Also insgesamt bin ich als belebendes Element noch ganz gut zu gebrauchen.
Und sieh dir doch zum Vergleich mal die Landschaft an. Die sieht doch aus wie ein Golfplatz! Kannst du dir was toteres vorstellen? Maschinengetrimmter, kunstgedüngter Rasen, mit absolut geometrisch abgezirkelten Sandlöchern, wie Mondkrater.
– Das mit dem Kunstdünger glaube ich dir nicht. Sieh dir doch mal dieses Grün an!
– Kontrastiert doch vortrefflich mit meinem Fell, oder?
– Ja, schon, aber ich meine doch: Das Grün sieht nicht so sehr nach Nitrit und Nitrat aus, sondern mehr nach militärischer Tarnplane in Nato-Oliv. Jedenfalls alles andere als grell.
– (singt) We‘re on a highway to grell…
– Könnten wir bitte mal etwas sachlicher reden?
– Über Kunstdinger?
– Ja, zum Beispiel über Landschaft und Raum.
– Ach, das ist doch langweilig, so ohne Hamster.
– Nun ja, immerhin befinden wir uns hier nach offiziellen Angaben in der Terraforming-Phase und das klingt doch…
– Chinesisch?
– Nein, ich wollte sagen: eher irdisch und nach Landschaftsgestalting, äh, -tung.
– Okay, okay. Klar ist der Meister auch ein großer Landschaftsmaler und er zaubert dir in Nullkommanix aus ein bisschen Grau und Grün Berg und Tal. Aber wer sitzt zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal, na?
– Jedenfalls kein Hamster, soweit ich weiß. Könnten wir deinen tierischen Egozentrismus vielleicht mal einen Augenblick beiseite lassen?
– Ein wahrer Künstler muss egozentrisch sein! Aber gut, wenn du darauf bestehst. Was willst du wissen?
– Ich wollte noch was über die Dichotomie zwischen Landschaftsraum und Flächigkeit des Bildes erfahren…
– In, wie war das, dichter Manie? Da kenn‘ ich mich nicht aus. Aber zur Flächigkeit kann ich dir mitteilen, dass die der Meister voll im Griff hat: Erst faltet er Wiese, Berg und Himmel malerisch auf und entwickelt so eine unglaubliche Raumtiefe und dann setzt er da völlig cool zum Beispiel eine weiße Leerstelle ein oder ein Ornament oder sowas und bricht damit den Raumzusammenhang komplett auf: das ganze Bild droht in die Fläche zu kippen und die perspektivische Illusion zerplatzt wie eine schillernde Seifenblase oder ein roter Luftballon, ganz wie du willst.
– Rot ist mein Stichwort! Denn das wollte ich schon längst von dir wissen: Was hältst du von der Farbigkeit in den Bildern? Die ist doch eher gedämpft, gedeckt, im grüngraubraunen Bereich. Manchmal würde ich fast sagen: Musig oder matschig.
– Moment mal! Nicht so voreilig. Da musst du schon ein bisschen genauer hingucken. Es stimmt, der Meister bevorzugt eine eher gedämpfte Palette – aber welch ein Reichtum sich in dieser großen Grauzone auftut, das hast du noch nicht gesehen!
Du merkst es aber, wenn du versuchst darüber zu sprechen, das ist nämlich verdammt schwierig, dieses Graugrün von dem Grüngrau daneben sprachlich zu unterscheiden. Diese Nuancen im Grau, die aussehen können wie Schiefer, wie Moos, wie Schimmel und Brackwasser; wie alter Putz, wie feuchtes Laub, wie Moos, Oliven, Zypressen; wie Kieselsteine, Granit und Asphalt, wie Sommergras und Herbstlehm, wie Teerpappe, alte Fleischwurst oder Kondensmilch.
Und das ist bloß die eine Ebene!
– Aha. Wieviele gibt‘s denn so?
– Viele. Nimm doch nur mal zum Beispiel die neuen, kleinformatigen Arbeiten auf MDF. Die sind ja, vom Konzept her, geradezu collagenartig. Da gibt es ein mehr oder minder landschaftliches Setting, Berge, Wiesen, manchmal ein Stück Architektur. Die sind in der Regel grob, aber doch annähernd realistisch gemalt. Dann kommen manchmal völlig irreale Elemente dazu, wie z. B. ein knatschroter Himmel. Und davor dann in der Regel der Protagonist des Bildes, also ich. Ganz fein und zart gemalt, man könnte sich dazu versteigen zu sagen: naturalistisch. Obendrauf gibt es als Zugabe und Sahnehäubchen noch was vollkommen Fremdes – komplett abstrakte Spachtelspuren oder wie aus einer anderen Dimension hereinragende, ganz und gar zweidimensionale Blumensilhouetten oder ornamentale Spitzendeckchen. Es herrscht also der blanke Pluralismus.
– Apropos Plural, das wollte ich dich vorhin schon fragen: Wieviele bist du eigentlich? Manchmal scheinst du dich zu vermehren wie die Karnickel.

– Gut beobachtet, Watson. Wenn es der Meister will, bin ich in der Tat ganz viele Hasen, die kreuz und quer über die Leinwand hüpfen. Nur um im nächsten Bild zu Nichts zu verdampfen, so dass von uns nur ein Hauch bleibt, besser gesagt: ein weißes Strahlen.
– Bist Du radioaktiv verseucht oder gar ein transgener Hamster, dass du im Dunkeln leuchtest?
– Wer kann das schon wissen heutzutage? Aber darum geht‘s doch gar nicht. Es geht in dem Bild, das du meinst, um die geistergleiche, schemenhafte Erscheinung von unerklärlichen, beinahe hasenförmigen weißen Flecken mit unscharf ausstrahlenden Rändern neben schwarzen Löchern, die auch die Schatten dieser Geisterhasen sein könnten, inmitten von wildbewegten Grasbüscheln, die eindeutig nur Pinselstriche sind.
– Ach so, du meinst, um dich geht‘s gar nicht?
– Ich bin ja nur hier um dich abzulenken. Es geht um Malerei an sich. Was man mit Farbe tut und was die Farbe tut, wenn man sie sich selbst überlässt. Dann stößt sich zum Beispiel die schwefelgelbe Acrylfarbe vom nachtschwarzen Ölfarbenuntergrund ab, schnurrt zusammen und fängt an zu schweben, wie das Sternenmeer im Bild mit mir als Keramikreh.
Und wenn du mal die Augen aufsperren würdest, könntest du sehen: Farbe, Farbe, überall Farbe! Gerade die jüngsten Arbeiten sind geradezu bunt – da kommen blaue Himmel und rosa Hasen vor, rosarotviolett-grüne Hintergründe, so richtig psychedelisch schrillbuntes, abstraktes Zeugs, oder ein zartrosa Alpenglühn und sprossende Ohren in Rostorange, ganz schön abgefahren, Mann.
– Dich könnte man also eigentlich auch weglassen?
– Nee, natürlich nicht! Ich hab mich doch nicht umsonst vom Straßenbelag hochgearbeitet zum Helden des Bildes! Aber ich muß immer schön brav und zurückhaltend sein, sonst vermalt mich der Meister einfach zu ‘ner Ziehharmonika oder einem schlierigen Mehrspurfarbwirrrrrbbbblll…

Stephan Trescher